Der Arabische Frühling, die Arabellion. So hat man die Ereignisse in
arabischen Ländern verwendet. Aber oft tauchte auch das Wort Revolution in Bezug auf diese Ereignisse
auf. Der letzte Begriff hat tiefere und konkretere Bedeutung. Deshalb sollten wir
uns mit der Frage beschäftigen, ob das Wort Revolution
in diesem Kontext überhaupt anwendbar ist/war? Zuerst möchte ich die Frage
beantworten, warum man dieses Wort überhaupt benutzt hat. Dafür gibt es, meiner
Meinung nach, zwei Erklärungen. Erstens, man hat in der arabischen Welt so was
nicht erwartet. Seit vielen Jahrzehnten hat es im arabischen Raum nichts solches
Ausmaßes gegeben. Das war tatsächlich eine „Revolution“ im Vergleich zur
Friedhofsruhe, die früher herrschte. Und zweitens, die Erinnerung an die
friedliche Revolutionen von 1989/1990 war noch frisch. Vielleicht das war das
letzte Mal als historischer Optimismus siegte. Die Ausgangslage war ähnlich: Im
Osteuropa und Nahen Osten seit Jahren herrschten die Autoritäre Systeme, die
völlig unerwartet gestürzt waren. Diese und auch andere Ähnlichkeiten haben
dazu geführt, dass die Experten und die Beobachter glaubten, dass diese
Ereignisse eine Revolution seien. Der Sieg der Islamisten in Tunesien und
Ägypten (und ihre deutliche Stärkung in Syrien und Libyen) hat diesen
Optimismus erheblich gedämpft.
Eine historische Perspektive kann uns helfen diese Geschehnisse richtig zu
interpretieren und die Prognose für weitere Entwicklungen aufzustellen. Ich
werde den arabischen Frühling mit den anderen, diesmal anerkannten Revolutionen
vergleichen. Das sind die Russische Revolution vom Jahre 1917 und Islamische
Revolution im Iran.
1917, 1979, 2011
Die Oktoberrevolution in Russland und Islamische Revolution im Iran zählen
zu wichtigsten Zäsuren des XX. Jahrhunderts. Sie haben große (außen)politische
Veränderungen verursacht. Unser Vergleich beginnt mit einer einfachen Frage:
Mit welcher Person assoziiert man die Oktoberrevolution/Islamische
Revolution/Arabellion?
Die Antwort auf die erste Frage ist recht einfach – Lenin. Besser informierte
werden auch Trotzki und anderen nennen. Sie waren diejenigen, die diese
Revolution gewollt, vorbereitet und nach ihrem Sieg gelenkt haben. In ihren
Werken wurden die Abrisse der künftigen Gesellschaft und des Staates
dargestellt. Es waren Lenins Energie und Intellekt, die dazu führten, dass die
Bolschewiki Macht in Russland ergriffen haben. Und man muss auch das Charisma
von Lenin und Trotzki nicht unterschätzen. Sie waren Bezugspersonen, an denen
ihre Anhänger sich orientieren konnten.
Zweite fällt auch relativ einfach – Ruholla Khomeini. Sehr gut informierte
Leute werden auch solche Namen nennen wie Ali Shariati, Husein Tabatabai, Ale
Ahmad. Sie haben die Demokratie stark kritisiert. Sie wollten zurück zu den
Wurzeln oder, anders ausgedrückt, zur Ordnung, die auf dem Basis des
schiitischen Islams beruhen wird. Für sie war Demokratie und Einfluss des
Westens Hauptursache der Rückständigkeit und wirtschaftlicher und
gesellschaftlicher Problemen. Und auch hier sehen wir eine charismatische
Person, Ajatolla R. Khomeini, die die Revolution geführt hat.
Wer sind die Helden des arabischen Frühlings? Das sind M. Bouazizi, H.
Mubarak und Z. Ben Ali. Der erste ist der Gemüsehändler, dessen Selbstverbrennung
die Proteste in Tunesien ausgelöst hat. Zwei andere waren die gestürzten
Diktatoren. Aber wo sind die großen Persönlichkeiten? Wo sind die Vorreiter,
Vordenker? Deshalb waren viele Beobachter so überrascht. Die „Revolution“
begann in einer intellektuellen Leere. Es gab kein Lenin oder Khomeini. Ein
weiterer Vergleich zeigt, dass diese intellektuelle Leere auch andere Bereiche
betrifft. Vor der Revolution konnte man eine Blüte der Kunst, Literatur und
Philosophie im Iran und Russland beobachten. Lenin und Khomeini waren nicht
alleine. Es gab prominente Regisseure, Schriftsteller und Künstler, die
vorrevolutionäre Verhältnisse kritisierten und die Gesellschaft bewegten. All
das gab es in Ägypten und Tunesien nicht, zumindest nicht in solchermaßen wie
in zwei anderen Ländern.
Der nächste Vergleich betrifft den Verlauf der Revolution. Die Revolution
in Russland im Jahre 1917 war keine bolschewistische Revolution. Es waren in
erster Linie die bürgerliche Parteien und basisdemokratische Strukturen, die
den Zaren gestürzt haben. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung war für
gemäßigte Parteien. In neuem Parlament hatten die Bolschewiki unter Lenin nur
25% der Stimmen. Erst nach dem blutigen und langjährigen Bürgerkrieg, durch
Terror gegen die Feinde, konnten Lenin und seine Partei die Macht sichern. Die
Revolution von 1979 begann im Iran nicht als eine Islamische. Die religiöse
Kräfte (in erster Linie die Geistlichkeit) spielten eine große Rolle bei der Revolution
und dem Sturz des Schahs, aber sie waren nicht alleine. Die liberale Parteien
und linke Gruppierungen waren wichtige Akteure, ohne die die Revolution undenkbar
gewesen wäre. Und auch im Iran konnten sich Khomeini und seine Anhänger sich
erst nach dem gewaltigen Kampf durchsetzen. Sie haben alle andere politische
Kräfte, in erster Linie die Liberalen und linke Gruppierungen, ausgelöscht und
alleine die Macht übernommen.
Im Falle Ägyptens und Tunesiens die tatsächliche „Revolutionäre“ konnten
sich auch nicht durchsetzen. Aber, interessanterweise, in arabischen Ländern
konnte dank der „Revolution“ die Mehrheit der Bevölkerung, die an den Protesten
so gut wie nicht teilgenommen hat, ihre Wille durchsetzen. Sie hat die islamischen
Parteien gewählt. So wurde eine bürgerliche „Revolution“ zu einer
„Islamischen“, wenn man so formulieren darf. Aber jetzt möchte ich zu den
nächsten Punkt kommen. Der Vergleich zeigt, dass man diese Ereignisse nicht mit
Sicherheit Revolution nennen kann.
Was war das?
Logischerweise kommt die Frage: Was war das eigentlich? Um diese Frage zu
beantworten, sollten wir die Rolle der Opposition in Ägypten und Tunesien
berücksichtigen. Beide Regime verfügten über demokratische Fassade. Und so
konnte man in Tunesien und Ägypten die Opposition zum Teil des politischen
Systems machen. Die Opposition hatte bestimmte freie Räume, aber dafür musste
sie mit der Loyalität zahlen. Und zurück zur Fassade. Wir sagen Fassade war,
aber sie spiegelte auch die Verhältnisse innerhalb des Landes. Die Muslimbrüder
und Islamisten waren mehr oder weniger auch vor dem Frühling in der Führung vertreten.
Der Grund ist einfach: Sie hatten wichtige Positionen in der Wirtschaft und
Gesellschaft inne. Sie hatten Sympathisanten an den Universitäten und in den
Medien. Die Radikalsten (im Falle Ägyptens das waren Ajman az-Zawahiri, der
heutige al-Qaida Anführer und Theologe Jusuf Kardawi, der jetzt bei
al-Dschasira arbeitet; beide mussten Ägypten verlassen, wegen des Drucks der
Regierung) werden neutralisiert. Die anderen, die sich mit dem System
abgefunden haben, wurden toleriert. Und genau diesen Menschen haben die Wahlen
in (vorläufig) postautokratischen Staaten die Macht bekommen.
Es hat nicht „Revolutionäres“ gegeben. Die Autokraten wurden entfernt. Aber
Mubarak und Ben Ali waren nur die Spitze des Eisbergs. Das System lebt weiter.
Die Macht innerhalb des bestehenden Regimes
wurde umverteilt. Das ist bis jetzt die einzige Veränderung. Und
bisschen provokant formuliert, was in „normalen“ demokratischen Staaten durch
die Wahlen passiert, können wir in Tunesien und Ägypten sehen. Wenn Obama an
die Macht kommt, dann heißt es nicht, dass das politische System der USA sofort
verändert werden muss. Oder wenn SPD anstatt CDU/CSU an die Macht kommt, dann verändert
sich die Rolle des Parlaments nicht. Das System bleibt bestehen. Es kommen die neuen
Akteure mit ihren Programmen und Ansichten. Aber man spricht nicht über die
„Revolution“. So kann man auch hier (zumindest jetzt) nicht über eine
Revolution sprechen. Das ist nur ein Regierungswechsel. Und es ist sehr
wahrscheinlich, dass auch die Islamisten das jetzige System nicht verändern
werden. Sie haben zu viele Probleme, die sie noch lösen müssen. Und sie werden
das innerhalb der bestehenden Verhältnisse machen. So kann man sagen, dass die
Ereignisse in arabischen Ländern nicht Revolution, sondern ein Frühling waren.
Wenn es zu einer wirklichen Revolution kommen sollte, dann nicht jetzt, sondern
erst nach vielen Jahren. Aber die Wurzeln dieser eventuellen Revolution wird
man auch in Ereignissen des Jahres 2011 finden.
Veröffentlicht am 31/5/2012