Mit dem Tod Kaddafis endete der Bürgerkrieg in Libyen. Damit endete auch
die erste Phase des arabischen Frühlings. Der Frühling war sehr „fruchtbar“. Aber
die Ergebnisse können bald „furchtbar“ sein. Drei Regime wurden gestützt. Und
es ist nicht klar, was danach kommt. Deshalb wollen wir die Einzelfälle näher
betrachten.
Eins muss man jedoch schon jetzt sagen. Alle diese Ereignisse sind ein
logisches Ergebnis des Aufstiegs des politischen Islams(*), der Mitte XX
Jahrhundert begonnen hat. Nach den arabischen Revolutionen wird Islam eine
führende Rolle im arabischen Orient. Aber viele Beobachter, besonders im
Westen, stellen diese Revolutionen als ein Sieg der Demokratie dar. Sie
vergessen, dass die iranische Revolution von 1979 auch nicht eine islamische
Revolution war. Das iranische Volk wollte den Schah stürzen. Erst danach die
Macht wurde von Khomeini und seinen Anhängern ergriffen.
Die Revolutionen sind so verwickelt, dass man über ein „Labyrinth der Revolutionen“
sprechen kann. Aber, es gibt ein Ausgang. Viele Wege führen zu ihm, aber es
gibt nur ein Ausgang. Wir werden versuchen, diese Wege zu betrachten.
Der direkte Weg – Tunesien
Tunesien ist eine der wenigen arabischen Ländern, wo die Säkularisierung
sich etabliert hat. Das ist der Verdienst vom ersten Präsidenten des
unabhängigen Tunesiens – Chabib Bourgiba. Aber man konnte den Islam nicht
völlig vertreiben. Ein Beispiel: In Tunesien ist die Polygamie verboten. Dieses
Verbot beruht auf einem Zitat aus Koran. Das heißt, dass man konnte nicht eine
islamische Norm durch eine weltliche Verordnung abschaffen. Dafür brauchte man
wieder eine religiöse Begründung. Bourgiba konnte auch den Analphabetismus
stark senken (in Tunesien kann 75% der Bevölkerung lesen und schreiben, eine
große Zahl, besonders wenn man mit anderen arabischen Ländern vergleicht). Die
Wirtschaft in Tunesien ist relativ gut entwickelt (wieder, im Vergleich zu
anderen arabischen Ländern). Deshalb hat Tunesien einer breiten Mittelschicht.
Ein wichtiges Merkmal von Tunesien ist seine reiche politische Landschaft.
Schon in den Zeiten von Bourgiba- und ben Ali-Diktatur gab es in Tunesien viele
politische Parteien und Gewerkschaften. Nur die Islamisten waren nicht aktiv,
weil sie eben von der Regierung massiv verfolgt und unterdrückt wurden.
Trotz dieser Ausgansbedingungen die erste Parlamentswahlen nach der
Revolution hat die islamistische „An-Nahda“ Partei gewonnen. Sie erhielt 45%
der Stimmen. Interessanterweise haben die Islamisten bei den Wahlen 1987 (damals
kam auch die jetzt gestürzte Diktator ben Ali an die Macht) nur 18% der Stimmen
bekommen. Parteichef Rashid Ghannouchi, der im Exil in London war, hat
verkündet, dass er nicht gegen den Säkularismus sei. Vorbild für ihn sei die
Türkei. Die Partei hat sich auch bereit erklärt mit anderen politischen Kräften
zu kooperieren. Man kann auch sagen, dass die Bedingungen in Tunesien es
erlauben, ein Rechtsstaat nach dem Vorbild der Türkei zu schaffen. Aber es ist
jetzt früh etwas Bestimmtes zu sagen.
Der zickzag Weg zur Macht –
Ägypten
Ägypten hatte immer eine besondere Rolle im arabischen Orient. Seit XIX ist
Ägypten das intellektuelle Flaggschiff der arabischen Welt. Deshalb ist es auch
nicht erstaunlich, dass die größten Theoretiker der politischen Islam Ägypter
sind. Das sind in erster Linie die Gründer der Organisation „Muslimische
Bruderschaft“ (Ihwan-al-Muslimin) Hasan al-Banna und Said Qutb.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich in Ägypten das iranische Szenario
wiederholen wird: Eine demokratische Revolution wird zu einer islamischen.
Dafür gibt es viele Voraussetzungen. Islamisten waren immer aktiv. Aber hier
muss man zwischen islamistischen Untergrund und „gemäßigten Islamisten“. Der
Untergrund hat die illegale und terroristische Mittel verwendet. Manchmal
konnte er auch dem Regime Parole bieten. Man kann hier an die Ermordung von den
Präsidenten Anwar Sadat im Jahre 1981 oder an die Reihe der Aufstände in Kairo Mitte
1980er, die nur mit Hilfe der Armeeeinheiten unterdrückt werden konnten,
erinnern. Aber der Untergrund war sehr zersplittert und unorganisiert. Zudem,
war die gesamte Macht des Sicherheitsapparates gegen den Untergrund gerichtet. Deshalb
konnte Untergrund keine große Rolle spielen. Die „gemäßigten Islamisten“
(darunter muss man Muslimische Bruderschaft verstehen) hingegen setzten auf die
friedliche Mittel, wie Propaganda oder Werbung der Anhängern in wichtigen
Institutionen, wie Armee oder Ministerien. Außerdem, Muslimbruder ist sehr gut
in das politische System von Ägypten integriert. Die Spitze der Muslimischen
Bruderschaft gehört zu den reichsten Familien von Ägypten. Deshalb konnten sie
auch nicht zu offen gegen das Regime kämpfen. Aber was die Endzielen angeht, so
waren sowohl der Untergrund, als auch Muslimbruder sich einig. Sie wollten
einen Staat errichten, wo der politische Islam führende Rolle spielen würde.
Sturz von Mubarak und die kommenden Wahlen bieten eine gute Möglichkeit die
Macht zu übernehmen. Und von Anfang an haben sich die Muslimbruder loyal
gegenüber der Übergangsregierung gestellt. Wenn man die enge Beziehungen
zwischen den Militärs und Muslimischen Bruderschaft in Acht nimmt, so könnte
man meinen, dass sie versuchen werden, sich mit ihnen zu arrangieren und so die
Macht übernehmen. Und Sturz Mubaraks bedeutet nicht, dass Ägypten jetzt ein
demokratisches Land sei. Das System ist autoritär geblieben. Diejenigen, die
Macht übernehmen werden, können dieses System für ihre Zwecke nutzen.
Der blutige Weg – Libyen
Libyen ist das einzige arabische Land, wo man den Diktator mit
militärischen Mitteln stürzen konnte, sogar mit Hilfe von NATO. Und was
bemerkenswert ist, die Rebellen brauchten fast 7 Monate um Kaddafi zu stürzen.
Und das noch mit Unterstützung von NATO. Es könnte schon sein, dass ohne NATO
die Rebellen keine Chance gegen Kaddafi hatten.
So, könnte man daraus schließen, zumindest ein Teil der Armee ist dem
Kaddafi-Regime loyal geblieben. In Tunesien und Ägypten haben die Streitkräfte
im letzten Moment den Diktator nicht unterstützt. Es gab keine große Protesten
wie in Tunesien oder Ägypten. Interessanterweise begannen die Proteste in mit
Ägypten grenzenden Gebieten. Es ist auch unklar woher die Rebellen die Waffen
bekommen haben. Außerdem, wie konnten die unvorbereitete Rebellen zuerst den
ersten Schlag der Armee durchhalten und dann zu einer Gegenoffensive übergehen?
Man muss nicht vergessen, dass Kaddafi-Regime schon was Besonderes war. Es
hieß „Dschamahirija“, man könnte das als „Herrschaft der Gesellschaft“
übersetzen. Das Land wird quasi von basis-demokratischen Einheiten regiert,
d.h. direkt durch das Volk. So, braucht man keine politische Parteien oder
Gruppierungen. Natürlich in der Realität sah dieses System ganz anders aus.
Aber „Dschamahirija“-Regime hat die Existenz politische Parteien und
Gruppierung illegitim und unmöglich gemacht. So ist die nächste Frage: Woher
kommt überhaupt diese Opposition? Das sind alle ehemalige Gefährte und
Mitglieder der Regierung von Kaddafi. Und die Rebellen, die gegen Kaddafi
kämpften, waren Islamisten. Und diese „Opposition“ wird die Demokratisierung Libyens
durchführen. Man könnte sagen, dass die Ereignisse in Libyen eine Art von
Putsch waren. Aber die Konsequenzen können revolutionär sein.
Frühling des politischen Islam
Wir haben früher gesagt, dass die arabischen Revolutionen im Aufstieg des
politischen Islam resultieren würden. Und alle Wege zu einem Ausgang führen und
das ist politischer Islam. Jetzt müssten wir die Gründe betrachten, warum dies
passieren kann.
Einer der wichtigsten Gründe ist die Diskreditierung der säkularen
Weltanschauungen und Regierungsformen. Es hängt damit zusammen, dass autoritäre
Regime in arabischen Ländern sich als „demokratisch“ und „säkular“ bezeichnet
haben. Deshalb hat die Bevölkerung sehr negative Wahrnehmung dieser Begriffe.
Aber auch die oppositionellen Parteien sind gescheitert. Sie konnten nicht
näher an die Bevölkerung kommen und die Vorteile und Grundlagen der Demokratie
und säkularen Ordnung erklären. Genauer gesagt, sie haben es versucht. Zum
Beispiel, der jetzt in Deutschland lebender Ägypter Hamed
Abdel-Samad (der durch sein Buch „Untergang der islamischen Welt“ bekannt ist)
schlägt vor, in der arabischen Welt eine „sexuelle“ Revolution durchzuführen.
So was hört sich bei den einfachen Leuten nicht so gut an.
Nicht zuletzt hat auch der „Export der Demokratie“ das
sowieso negative Bild noch düster gemacht. Besonders aktiv war in diesem
Bereich Präsident der USA G. Bush. Deshalb assoziiert jetzt die Mehrheit der
Bevölkerung die Demokratie mit der Aggression des Westens.
Aber der heutige Aufstieg des politischen Islam kann nur
durch das Scheitern der säkularen und demokratischen Alternativen nicht erklärt
werden. Hier muss man nicht vergessen, dass der politische Islam an sich
attraktiv ist. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich zum
Islam. Das ist Teil ihrer Identität und Kultur. Außerdem sind Säkularismus und
Demokratie „fremd“. Sie kommen aus dem Ausland. Deshalb alles, was Attribut
„islamisch“ trägt, gewinnt große Aufmerksamkeit und Sympathie. Der politische
Islam bietet die Lösung des aktuellen Problems der Bevölkerung. Er setzt klare
Ziele und Prioritäten. Besonders wichtig ist hier Kategorie der Gerechtigkeit.
Die Gerechtigkeit spielt im Islam eine besondere Rolle. Im Koran wird die
Notwendigkeit gerecht zu sein mehrmals betont. Solche Idee findet Widerhall bei
vielen einfachen Menschen, die jahrelang unter der autoritären Herrschaft leben
mussten.
Oft haben die islamistischen politischen Gruppierungen
die Aufgaben übernommen, die eigentlich Staat gewährleisten musste. Das ist die
Bildung, medizinische und Soziale Hilfe usw. Dadurch gewinnen die Islamisten
die Popularität. Wichtig ist auch, dass die Bevölkerung wird immer religiöser.
Viele besuchen Moscheen, schauen die religiösen Sendungen oder lesen religiöse
Zeitungen. Von dort bekommen sie positive Information über den politischen
Islam.
Wir versuchten die aktuellen politischen Entwicklungen im
Nahen Osten zu analysieren. Wir können jetzt nicht sagen, ob diese
Entwicklungen (in der ersten Linie Aufstieg des politischen Islam) gut sind.
Jetzt ist alles noch unklar. Aber am Ende wollen wir nochmals an die islamische
Revolution im Iran erinnern. Dort haben die Studenten nach der Machtergreifung
von Khomeini auf dem Wand der Universität von Teheran folgenderweise
bezeichnet: „Sieg der Unwissenheit über die Ungerechtigkeit“.
* Unter „politischem Islam“ versteht man hier eine
Ideologie, die versucht, das Leben der Gesellschaft der Scharia unterordnen,
ohne diese kritisch zu bearbeiten. Die Anhänger der p.I. versuchen diesen für
ihre Ziele zu benutzen. Sie erkennen keine alternativen Weltanschauungen an.
Als Synonym konnte man den Begriff „Fundamentalismus“ verwenden.
(Veröffentlicht am 10/11/2011)